Kunst & Küche

Kunst & Küche

Essen und dessen Darstellung hat in der Bildenden Kunst eine lange Tradition. Von den Jagdszenen der Höhlenmalerei über das Abendmahl, bis hin zu den Stillleben des Barocks. Selten kann man eine Kunstrichtung jedoch so genau datieren, wie die der Eatart, also die Kunst, die sich mit Essen oder dessen Nebenprodukten auseinandersetzt.

Am 15. November 1930 verkündet Fillipo Marinetti das futuristische Manifest der Küche. Kurz darauf folgt die schriftliche Form, die elf Regeln festlegt.

  1.  Die unbedingte Originalität der Speisen, welche die traditionellen Zusammenstellungen und Rezeptvorgaben durch das freie Experimentieren mit neuen und scheinbar absurden Kombinationen ersetzt, um mit dieser gelebten Kreativität “der mediokren Alltäglichkeit bei der Gaumenfreuden” entgegen zu wirken.
  2.  Das Verfahren zur Gestaltung einer “vollkommenen Mahlzeit” verlangt eine originelle Harmonie der Tafel (Kristall, Geschirr, Dekoration) mit dem Geschmack und den Farben der Speisen.
  3. Die Erfindung “plastischer Geschmackskomplexe”, deren originelle Harmonie in Form und Farbe die Augen schmeicheln und die Phantasie anregen sollen.
  4. Die Abschaffung von Gabel und Messer, damit noch vor der Berührung durch die Lippen das Wohlgefallen der taktilen Berührung gewährt wird.
  5. Die Anwendung der Kunst der Düfte, um die sinnliche Wahrnehmung zu befördern.
  6. Die Darbietung von Musik auf die Pausen zwischen den einzelnen Gängen zu beschränken, damit die Sensibilität der Zunge und des Gaumens nicht abgelenkt und der Geschmacksgenuss nicht ausgelöscht wird, um so die Jungfräulichkeit des Kostens und Probierens wiederherzustellen.
  7. Die Abschaffung des Beredens und des Politisierens bei Tisch.
  8. Die feine Dosierung von Poesie und Musik als überraschende Beigaben, um mit ihrer sinnlichen Intensität die Geschmacksnuancen einer gegebenen Speise zu erschließen.
  9. Die rasche Aufeinanderfolge der Speisen unter den Nasen und Augen der Gäste, von einigen Speisen, die sie essen, und anderen, die sie nicht essen werden, um die Neugier, die Überraschung und die Phantasie zu beleben.
  10. Die Kreation von simultanen und veränderlichen “Bissen” oder Konzentraten, die zehn, zwanzig verschiedene Geschmacksmomente enthalten und in wenigen Augenblicken gekostet werden können, um intensivste Eindrücke zu erzeugen. Und schließlich als letzter und maßgeblicher Faktor eines futuristischen Ernährungsstils.
  11. Die Ausstattung der Küche mit wissenschaftlichen Instrumenten und Technologien.

Nie zuvor hat sich eine Kunstrichtung so radikal mit Essen auseinander gesetzt wie die Futuristische. Dass die Futuristen mit ihrer radikalen Ideologie und Rassenpolitik ihren Anteil an der Gründung des italienischen Faschismus haben, ist ein wichtiger geschichtlicher Aspekt, auf den an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden kann. Dies würde den Rahmen der Arbeit sprengen.

Diese Regeln bilden nicht nur die Grundlage für den ersten Koch-Kunst- Raum, sie formen auch die Philosophie manch moderner, avantgardistischer Küche.

Den Begriff der Eatart prägt keiner so wie der Künstler Daniel Spoerri. Am 17. Juni 1968 eröffnet er das Restaurant Spoerri in der Düsseldorfer Altstadt, in dem bis 1972 unter anderem mit Dieter Roth und Joseph Beuys Aktionen der Eatart stattfinden. Nicht auf Aktionskunst, sondern auf die Lehre der Koch-Kunst spezialisiert sich der Frankfurter Künstler Peter Kubelka. Er ist der erste Künstler: „…der außerhalb des gastronomischen Ausbildungssystems das Kochen explizit an einer Kunsthochschule als Kunst lehrt. Um zu zeigen, dass die kulinarische Praxis eine kunstvolle Tätigkeit und ein kreativer Gestaltungsprozess ist, der um nichts weniger geistig ist als Malen, Bildhauern, Musizieren, Filmemachen, ließ er in einem Veranstaltungsraum der Frankfurter Kunsthochschule eine Küche einrichten. In seinen darin abgehaltenen ‹Kochvorlesungen› vermittelte Kubelka den Standpunkt, dass es sich bei der Zubereitung des Essens „um eine bildende, ja um die älteste Kunst überhaupt handelt.“

Dieter Froelich, ein Künstler der sich bis zum heutigen Tag mit Gastmahlen und mobilen Restaurants beschäftigt, beschreibt Spoerri und Kubelka wie folgt: „Natürlich kochten sich noch andere Akteure durch Galerien, Museen oder temporäre Künstlerrestaurants. Spoerri und Kubelka aber sind die Eckpfeiler dieses Genres – und ihre Antipoden. Während Spoerri mit seinen spektakulären Banketten zum Wegbereiter des Event-Caterings und »Fun-Cooking« wurde, lehrte Kubelka traditionelle Einfachheit im »Speisenbau« und behauptet: »Kochen ist die älteste Kunstgattung.«Vereinfacht betrachtet, lassen sich die meisten kochkünstlerischen Aktivitäten einer dieser beiden Auffassungen zuordnen.“